Was versteckt die Pseudovirtuosität von Filmen wie "The Girl with the Dragon Tatoo", "Drive" und "Tinker Tailor Soldier Spy"?, fragt in der aktuellen Ausgabe der
Cahiers du Cinéma Chefredakteur Stéphane Delorme. Die Filme, so Delorme verbindet ein Hang zum Expertentum, sowohl auf der narrativen Ebene mit den (teilweise namen- und identitätslosen) Experten-Helden als auch formal, indem sie immer wieder demonstrieren, wie perfekt sie gemacht sind, wie grandios das Handwerk beherrscht wird. Ohne die drei Seiten hier jetzt detailliert wiedergeben zu wollen, sei nur kurz versucht, das zentrale Argument zusammen zu fassen. Delorme kritisiert recht heftig und ausführlich, dass die Filme sich im Streben nach Perfektion erschöpften. Gleichzeitig versuchen sie über ein Bündnis mit dem Zuschauer eine Art Verbund der Kennerschaft zu inszenieren, indem referiert, zitiert und gekonnt demonstriert wird. Das beschränkt sich dabei nicht bloß auf die formalen Mittel wie Kamera und Montage, sondern findet gerade auch auf der narrativen Ebene statt: wenn die Vergewaltigung von Lisbeth äußerst lang und schmerzhaft gezeigt wird, so geschieht das eben nicht, um generell Kritik an Vergewaltigung zu üben, sondern um Lisbeths Rache an ihrem Peiniger später um so lustvoller zu inszenieren. Das Gleiche gilt für die überaus brutalen Szenen in "Drive", Carey Mulligan spielt keine schützenswerte Frau, sondern einen Topos, der über die Konstellation und Konstruktion beschützt werden muss. "Das Problem dieser Filme ist, dass sie nichts erzählen. Kino ohne Emotionen, leerstehend, ohne jeglichen Bezug zur Menschlichkeit. James Gray fehlt uns!", so Delorme. Man muss Delorme hier nicht in jeder Beziehung folgen (wobei, treffender als mit dem James-Gray-Gegensatz kann man die Leerstellen dieser Filme kaum bezeichnen), gerade der Bezug von Cinéphilie und Humanismus, den der Autor noch entwickelt, ist m.E. zu pathetisch, aber diese drei Filme kennzeichnen doch ein neueres Phänomen. Ich würde da noch einen vierten Film hinzufügen wollen (und evtl. "TTSS" wieder abziehen, da der auf der narrativen Ebene doch noch etwas anderes versucht, Bordwell hat da auf seinem
Blog ganz interessante Beobachtungen zu gemacht), der zwar auf der Ebene des Experten-Helden nicht passt, in Punkto Kalkül und Wohlgefallen jedoch schon: "The Artist". Das Expertentum liegt hier beim Regisseur, der penibelst den Stummfilm der 20er Jahre nachahmt ohne auch nur den Versuch zu wagen, etwas Eigenes hinzuzufügen. Eine lesenswerte Kritik dazu erschien auf "
Senses of cinema". Joseph Natoli kritisiert hier nicht nur den Film und seine rückwärtsgewandte Selbstverliebtheit, sondern fragt vor allem danach, warum ein Film, der Hi-Tech in keinster Weise antriggert (weder über die im Film vorkommenden Devices, noch über den Look oder über verwandte Brücken (Fantasy+Computerspiel)) gerade heute scheinbar so einen Nerv trifft und mit Preisen überhäuft wird. Auch hier würde ich dem Autor nicht in hinterste Ecke seines Arguments folgen wollen (dass ein Film seinen aktuellen Technikbezug reflektieren müsse, auch wenn man Geschichten "von früher" erzählt), aber die Frage ist gerade im Falle von "The Artist" berechtigt (ich
berichtete). Der Film könnte ja ein Gegenmodell zur Oberflächensucht des oben angeführten Trios darstellen, stattdessen reiht er sich aber ein. Die Parallele, die diese Filme eint, ist nicht allein ihr Streben nach inhaltsloser Perfektion, sondern dass sie zusätzlich die Heterogenität um jeden Preis zu vermeiden versuchen. "Drive" ist nur Oberfläche, die weder auf der Ebene der Narration noch der der mise-en-scène gebrochen wird, und "TGWTDT" sieht stellenweise immer wieder aus wie ein extrem gut gemachter Werbeclip. "Augenpuder" nennt Delorme das. Connaisseur-Perfektionismus, der zu nichts führt wie die ersten fünf Minuten in "Drive", von denen selbst diejenigen, die den Film nicht mögen, sagen, dass sie toll seien. Am Deutlichsten wird das bei "The Artist", der zwar Bild und Schrift kombiniert, die Dialogtitel aber so einfallslos formuliert und setzt, wie es kaum ein Film aus den 20er gemacht hat. (Größtmögliche Transparenz der Dialogtitel.) Dieses Homogenitätsbestreben ist dabei etwas, das vor allem das diesjährige Kinojahr prägt, vergleichbare Filme aus dem letzten waren zerbrechlicher und heterogener wie bspw. Lars von Triers "Melancholia" oder Terrence Malicks "The Tree of Life" (alles Cannes-Filme und alle hoch dekoriert). Diese beiden Filme kombinieren CGI mit einer fragilen Bildästhetik (die gegen die untergehende Sonne filmende Handkamera von Emmanuel Lubezki), und sie erschöpfen sich nicht im Evozieren bekannter Gefühle. Man muss das nicht mögen, Filme über Depression ("Melancholia") oder die Erschaffung der Welt ("TTOL"), aber zumindest sind das Filme, die ÜBER etwas reflektieren, nicht allein VON etwas berichten.

